Warum uns der „Super El Niño“ auch in Österreich betrifft
Wir kommen gerade aus dem heißesten Sommer der österreichischen Messgeschichte. 41,2 Grad, durchschnittlich 42 Hitzetage und extreme Trockenheit haben 2026 neue Maßstäbe gesetzt. Und während wir in Österreich noch darüber diskutieren, welche Konsequenzen diese Hitze für Städte, Gebäude und unsere Art zu wohnen haben wird, entwickelt sich tausende Kilometer entfernt das nächste außergewöhnliche Klimaphänomen. Im tropischen Pazifik verstärkt sich derzeit ein sehr starker El Niño.
Die US-Klimabehörde NOAA geht davon aus, dass El Niño mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent im Herbst und Winter 2026/27 eine sehr starke Ausprägung erreichen wird. Für den Zeitraum Oktober bis Dezember besteht laut NOAA sogar eine 75-prozentige Wahrscheinlichkeit für ein historisch starkes Ereignis, gemessen an ihrem aktuellen relativen Niño-Index.
Die Weltorganisation für Meteorologie erwartet ebenfalls eine weitere deutliche Intensivierung mit einem voraussichtlichen Höhepunkt gegen November und Dezember 2026. In den Medien fällt deshalb zunehmend der Begriff „Super El Niño“.
Was passiert da eigentlich im Pazifik?
El Niño an sich ist keine Folge des Klimawandels, sondern Teil einer natürlichen Klimaschwankung, die als ENSO – El Niño Southern Oscillation – bezeichnet wird. Vereinfacht gesagt erwärmt sich bei einem El Niño das Oberflächenwasser im zentralen und östlichen tropischen Pazifik ungewöhnlich stark. Gleichzeitig verändern sich Luftströmungen und Niederschlagsmuster. Was zunächst nach einem regionalen Phänomen klingt, beeinflusst aber die atmosphärische Zirkulation rund um den Globus.
In manchen Regionen steigen dadurch beispielsweise die Risiken für Dürren, in anderen für Starkregen oder Überschwemmungen. Ein starker El Niño kann außerdem zusätzliche Wärme vom Ozean an die Atmosphäre abgeben und dadurch die globale Mitteltemperatur vorübergehend erhöhen.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zum Klimawandel: El Niño erzeugt nicht den langfristigen Erwärmungstrend. Er verstärkt nur Effekte auf der Erde, die durch den menschengemachten Klimawandel bereits deutlich wärmer geworden ist. Genau diese Kombination kann problematisch werden. GeoSphere Austria weist ausdrücklich darauf hin, dass die langfristige Erwärmung unabhängig von ENSO weiterläuft.
Aber was hat das mit Österreich zu tun?
Hier ist eine wichtige Einschränkung notwendig. El Niño bestimmt nicht unser Wetter. GeoSphere Austria bezeichnet ihn für Österreich und den Alpenraum ausdrücklich nicht als „Hauptregler“. Sein Einfluss kommt bei uns im Vergleich zu Regionen rund um den Pazifik nur abgeschwächt und indirekt an. Für unser Winterwetter sind die Zirkulation über dem Atlantik und Europa, regionale Wetterlagen und andere Faktoren wesentlich bedeutender. Deshalb wäre eine Schlagzeile wie „Super El Niño bringt Österreich einen warmen Winter“ wissenschaftlich zu einfach.
Ganz irrelevant ist das Phänomen trotzdem nicht.
El Niño verändert großräumige Luftströmungen. Über sogenannte Telekonnektionen können diese Veränderungen bis in den nordatlantisch-europäischen Raum weitergegeben werden. Gleichzeitig konkurrieren diese Signale hier mit anderen starken Einflüssen, etwa der nordatlantischen Zirkulation, Vorgängen in der Stratosphäre oder Entwicklungen in den Polarregionen. Deshalb sind die Auswirkungen in Europa wesentlich schwerer vorherzusagen als in vielen tropischen Regionen.
Die derzeitigen saisonalen Prognosen sind dennoch interessant. Der Copernicus Climate Change Service sieht in seiner aktuellen Prognose für den europäischen Winter erste Signale für überdurchschnittlich milde Temperaturen über nahezu allen europäischen Landflächen. Für große Teile Europas wird gleichzeitig eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen überdurchschnittlich niederschlagsreichen Winter gesehen. Das ist allerdings eine saisonale Wahrscheinlichkeitsaussage – keine Wettervorhersage für einen bestimmten Ort oder einen bestimmte. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass wir bereits wissen, wie Dezember, Jänner oder Februar aussehen werden.
Ein insgesamt milder Winter kann trotzdem mehrere Kältephasen enthalten. Ein im Mittel niederschlagsreicher Winter kann regional trocken bleiben. Und selbst ein sehr starker El Niño garantiert kein bestimmtes Wettergeschehen in Mitteleuropa.
Genau das ist vielleicht eine der wichtigsten Erkenntnisse: Klima beeinflusst Wahrscheinlichkeiten.
Nach Hitze und Trockenheit wird auch Niederschlag zum Thema
Für Österreich ist der Blick auf die kommenden Monate noch aus einem anderen Grund relevant.
2026 war nicht nur außergewöhnlich heiß, sondern außergewöhnlich trocken. Im Sommer fiel österreichweit rund ein Drittel weniger Niederschlag als üblich. Die ersten acht Monate des Jahres waren laut GeoSphere Austria die niederschlagsärmsten seit Beginn der entsprechenden Messreihe. Ein niederschlagsreicherer Winter klingt daher auf den ersten Blick nicht schlecht, allerdings zählt nicht nur die Niederschlagsmenge. Bei höheren Wintertemperaturen fällt in tieferen und mittleren Lagen ein größerer Anteil des Niederschlags als Regen statt als Schnee. Für den Wasserhaushalt macht es einen Unterschied, ob Wasser unmittelbar abfließt oder über Wochen und Monate in einer Schneedecke gespeichert wird.
Was bedeutet das für die Immobilienwirtschaft?
El Niño selbst wird natürlich keine Bauordnung verändern und entscheidet auch nicht darüber, welche Immobilie morgen mehr wert ist. Das ist klar. Aber er macht etwas sichtbar, das für die Immobilienwirtschaft zunehmend relevant wird: Unsere Gebäude müssen mit größeren klimatischen Schwankungen umgehen können.
Nach dem Rekordsommer diskutieren wir über Überhitzung, Verschattung und Kühlung. Nach monatelanger Trockenheit geht es um Begrünung, Wasserverfügbarkeit und Regenwassermanagement. Gleichzeitig müssen Gebäude auch Starkregen, intensiveren Niederschlagsereignissen und einem möglicherweise veränderten Winterklima standhalten.
Klimafitte Immobilien müssen viele Anforderungen erfüllen. Sie benötigen sommerlichen Wärmeschutz, Möglichkeiten zur effizienten Kühlung, funktionierende Verschattung, versickerungsfähige Flächen, Begrünung, Regenwassermanagement und eine technische Gebäudeausstattung, die flexibel auf wechselnde Bedingungen reagieren kann. Kurz: Entscheidend wird die Resilienz der Gebäude.
Wir müssen aufhören, mit dem Wetter von gestern zu planen
Ob Österreich im Winter 2026/27 tatsächlich einen spürbaren El-Niño-Effekt erleben wird, können wir heute nicht seriös vorhersagen. Was wir aber wissen: Der aktuelle El Niño wird sehr wahrscheinlich außergewöhnlich stark. Gleichzeitig trifft diese natürliche Klimaschwankung auf ein bereits deutlich erwärmtes Klimasystem.
Für die Immobilienwirtschaft ist daher wichtig, dass wir Gebäude nicht mehr ausschließlich für jene klimatischen Bedingungen planen, die wir aus den vergangenen Jahrzehnten bekannt sind. Der Sommer 2026 hat uns gerade erst gezeigt, wie schnell vermeintliche Extremwerte Realität werden können.
Die Zukunft klimafitter Immobilien liegt deshalb nicht darin, exakt vorherzusagen, welches Extrem als Nächstes kommt. Sie liegt darin, Gebäude so zu planen, dass sie mit unterschiedlichen Extremen umgehen können.